Wer über Zukunft nachdenkt, braucht mehr als eine Methode. Die Übersicht ordnet sechzehn Werkzeuge der Vorausschau nach zwei Fragen: Wie weit reicht der Blick — von ein bis drei Jahren bis über drei Jahrzehnte? Und worauf stützt sich die Erkenntnis — auf Evidenz (Daten und Messung), auf Expertise (Urteil und Verfahren) oder auf Kreativität (Konstruktion und Narration)? Die Farbe unterscheidet explorative Methoden, die fragen, was sein könnte, von normativen, die festlegen, was sein soll. Jeder Punkt der Matrix führt zur Kurzbeschreibung mit Stärken, Schwächen und der zitierfähigen Standardquelle.
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Die sechzehn Methoden
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Zeitreihenextrapolation
Mathematische Fortschreibung historischer Datenreihen über Regression, gleitende Mittel oder Wachstumsmodelle. Die ehrlichste Methode des Fachs — sie behauptet nichts über die Zukunft, was nicht in den Daten der Vergangenheit steckt.
Schwäche. Setzt Strukturkonstanz voraus und ist damit außerhalb kurzer Horizonte systematisch blind für Brüche; zugleich die am häufigsten überdehnte Methode.
Einsatz. Absatzplanung · Kapazitätsplanung · Demografische Vorausberechnung
Aufwand: gering · partizipativ: nein · explorativ
Box, G. E. P. / Jenkins, G. M. (1970): Time Series Analysis: Forecasting and Control. Holden-Day, San Francisco.
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Patent- & Bibliometrieanalyse
Auswertung von Patent-, Publikations- und Zitationsdaten zur Früherkennung technologischer Entwicklungen. Anmeldedynamik und Zitationsnetze zeigen Aktivitätsverschiebungen, bevor sie marktwirksam werden.
Schwäche. Misst die Aufmerksamkeit von Forschung und Industrie, nicht künftigen Erfolg.
Einsatz. Technologiefrüherkennung · Wettbewerbsbeobachtung · Portfolioentscheidungen
Aufwand: mittel · partizipativ: nein · explorativ
Ernst, H. (2003): Patent information for strategic technology management. World Patent Information 25 (3), 233–242.
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Prediction Markets
Handelbare Kontrakte auf künftige Ereignisse; der Preis aggregiert die Erwartungen aller Teilnehmer zu einer Eintrittswahrscheinlichkeit. Der Anreizmechanismus belohnt Genauigkeit statt Lautstärke und schlägt Einzelexperten häufig deutlich.
Schwäche. Braucht ausreichende Teilnehmerzahl und eindeutig auflösbare Fragen.
Einsatz. Projekttermine · Markteinführungen · Interne Frühwarnung
Aufwand: mittel · partizipativ: ja · explorativ
Wolfers, J. / Zitzewitz, E. (2004): Prediction Markets. Journal of Economic Perspectives 18 (2), 107–126.
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System Dynamics / Simulation
Modellierung von Beständen, Flüssen und Rückkopplungsschleifen; die Simulation über die Zeit zeigt nichtlineares Verhalten, Verzögerungen und Kipppunkte. Referenz sind die Weltmodelle des Club of Rome.
Schwäche. Die Ergebnisqualität hängt vollständig von den Strukturannahmen ab — Präzision der Ausgabe darf nicht mit Gültigkeit verwechselt werden.
Einsatz. Ressourcen- und Klimamodelle · Marktdiffusion · Systemreformen
Aufwand: hoch · partizipativ: nein · explorativ
Forrester, J. W. (1961): Industrial Dynamics. MIT Press, Cambridge. — Sterman, J. D. (2000): Business Dynamics. McGraw-Hill, Boston.
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Horizon Scanning
Systematisches, breit angelegtes Absuchen des Umfelds nach Veränderungssignalen, meist entlang eines Rasters wie PESTEL. Liefert das Rohmaterial für nahezu alle nachgelagerten Methoden.
Schwäche. Kein einmaliges Projekt, sondern ein Daueraufbau — der Wert entsteht erst durch Kontinuität und Dokumentation.
Einsatz. Strategische Frühaufklärung · Umfeldbeobachtung · Trendradar
Aufwand: mittel, laufend · partizipativ: teilweise · explorativ
Popper, R. (2008): How are foresight methods selected? Foresight 10 (6), 62–89.
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Trendanalyse
Identifikation, Beschreibung und Bewertung beobachtbarer Entwicklungsmuster nach Reichweite, Reifegrad und Wirkung. Unterscheidet Megatrends von kurzlebigen Moden — eine Trennung, die in der Praxis regelmäßig unterbleibt.
Schwäche. Trends beschreiben Kontinuität und erklären Brüche grundsätzlich nicht.
Einsatz. Strategiegrundlage · Innovationssuchfelder · Kommunikation
Aufwand: mittel · partizipativ: nein · explorativ
Pillkahn, U. (2007): Trends und Szenarien als Werkzeuge zur Strategieentwicklung. Publicis Corporate Publishing, Erlangen.
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Delphi-Befragung
Mehrstufige anonyme Expertenbefragung: Nach jeder Runde erhalten die Teilnehmer die aggregierten Antworten der Gruppe und können ihre Einschätzung revidieren. Anonymität und Rückkopplung neutralisieren Statusgefälle und Konformitätsdruck.
Schwäche. Konvergenz ist kein Wahrheitsbeweis, sondern misst Gruppenkonsens.
Einsatz. Technologiebewertung · Thesenprüfung · Expertenbarometer
Aufwand: hoch · partizipativ: ja · explorativ
Linstone, H. A. / Turoff, M. (Hrsg., 1975): The Delphi Method: Techniques and Applications. Addison-Wesley, Reading.
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Cross-Impact-Analyse
Systematische Bewertung der Wechselwirkungen zwischen Einflussfaktoren in einer Matrix; Aktiv- und Passivsummen trennen Treiber von Getriebenen. Macht Rückkopplungen sichtbar, die in linearer Betrachtung verschwinden, und liefert die Konsistenzprüfung für Szenarien.
Schwäche. Der Aufwand wächst quadratisch mit der Zahl der Faktoren.
Einsatz. Szenariokonstruktion · Systemanalyse · Strategiebewertung
Aufwand: hoch · partizipativ: teilweise · explorativ
Gordon, T. J. / Hayward, H. (1968): Initial experiments with the cross impact matrix method of forecasting. Futures 1 (2), 100–116.
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Morphologische Analyse
Zerlegung eines Problemfelds in Parameter mit je mehreren Ausprägungen; jede zulässige Kombination ergibt eine mögliche Konfiguration. Zwingt zur Vollständigkeit und findet Kombinationen, die intuitiv übersehen werden.
Schwäche. Ohne strenge Konsistenzprüfung dominiert kombinatorisches Rauschen.
Einsatz. Szenariorohbau · Produktkonzeption · Lösungsraumanalyse
Aufwand: mittel · partizipativ: teilweise · explorativ
Zwicky, F. (1969): Discovery, Invention, Research through the Morphological Approach. Macmillan, New York.
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Roadmapping
Zeitliche Verknüpfung von Markt-, Produkt- und Technologieebenen auf einer gemeinsamen Zeitachse mit expliziten Abhängigkeiten und Meilensteinen. Übersetzt Vorausschau in Planung und macht Lücken sichtbar.
Schwäche. Neigt zur Scheingenauigkeit, wenn Unsicherheit nicht mitgeführt wird.
Einsatz. F&E-Planung · Technologieentwicklung · Investitionsentscheidungen
Aufwand: mittel-hoch · partizipativ: ja · normativ
Phaal, R. / Farrukh, C. J. P. / Probert, D. R. (2004): Technology roadmapping — a planning framework for evolution and revolution. Technological Forecasting and Social Change 71 (1–2), 5–26.
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Backcasting
Ausgangspunkt ist ein gesetztes Zielbild; von dort wird rückwärts zur Gegenwart gearbeitet und der notwendige Pfad rekonstruiert. Umgeht die Trägheit der Fortschreibung und erlaubt Ziele, die aus dem Status quo unerreichbar erscheinen.
Schwäche. Setzt gesellschaftlich oder organisatorisch tragfähige Zielbilder voraus.
Einsatz. Nachhaltigkeits- und Klimastrategien · Transformationsprogramme
Aufwand: mittel · partizipativ: ja · normativ
Dreborg, K. H. (1996): Essence of backcasting. Futures 28 (9), 813–828.
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Szenariotechnik
Konstruktion mehrerer in sich konsistenter, deutlich unterschiedlicher Zukunftsbilder aus Schlüsselfaktoren und deren Ausprägungen. Ziel ist nicht Treffsicherheit, sondern die Robustheitsprüfung von Strategien gegen mehrere Zukünfte — das Kernwerkzeug des Fachs.
Schwäche. Verkümmert häufig zu drei Varianten derselben Zukunft.
Einsatz. Strategieentwicklung · Investitionsentscheidungen · Politikberatung
Aufwand: hoch · partizipativ: ja · explorativ
Kahn, H. / Wiener, A. J. (1967): The Year 2000. Macmillan, New York. — Pillkahn, U. (2007), a. a. O.
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Wildcards & Weak Signals
Systematische Auseinandersetzung mit Ereignissen geringer Wahrscheinlichkeit und hoher Wirkung sowie mit frühen, schwachen Hinweisen darauf. Erweitert den Möglichkeitsraum und dient dem Stresstest bestehender Pläne.
Schwäche. Das Signal-Rausch-Verhältnis ist naturgemäß ungünstig; ohne Bewertungsrahmen entsteht eine Sammlung von Kuriositäten.
Einsatz. Risikovorsorge · Robustheitsprüfung · Krisenvorbereitung
Aufwand: gering-mittel · partizipativ: teilweise · explorativ
Ansoff, H. I. (1975): Managing Strategic Surprise by Response to Weak Signals. California Management Review 18 (2), 21–33.
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Zukunftswerkstatt
Moderiertes Gruppenverfahren in drei Phasen — Kritik, Utopie, Realisierung. Erschließt Beteiligtenwissen und erzeugt Verbindlichkeit durch Mitwirkung; nach Jungk ursprünglich für Bürgerbeteiligung entwickelt, heute breit in Organisationen eingesetzt.
Schwäche. Die Ergebnisqualität steht und fällt mit der Moderation.
Einsatz. Beteiligungsprozesse · Organisationsentwicklung · Kommunale Planung
Aufwand: gering-mittel · partizipativ: ja · normativ
Jungk, R. / Müllert, N. R. (1981): Zukunftswerkstätten. Hoffmann und Campe, Hamburg.
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Visioning / Leitbildentwicklung
Erarbeitung eines verbindlichen Zielbilds, das Orientierung stiftet und Entscheidungen ausrichtet. Wirkt weniger als Analyseinstrument denn als Koordinationsmechanismus.
Schwäche. Ohne anschließende Operationalisierung — etwa über Backcasting oder Roadmapping — bleibt es folgenlose Rhetorik.
Einsatz. Unternehmensstrategie · Stadtentwicklung · Programmatik
Aufwand: mittel · partizipativ: ja · normativ
Collins, J. C. / Porras, J. I. (1996): Building Your Company's Vision. Harvard Business Review 74 (5), 65–77.
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Design Fiction / SF-Prototyping
Erzählerische oder gestalterische Ausarbeitung einer Zukunft in Form von Artefakten, Prototypen oder Narrationen — bewusst konkret statt abstrakt. Erreicht Adressaten, die für Matrizen und Kennzahlen unerreichbar sind, und legt implizite Annahmen offen.
Schwäche. Wissenschaftlich am angreifbarsten, kommunikativ am wirksamsten.
Einsatz. Innovationskommunikation · Technikfolgenabschätzung · Lehre
Aufwand: mittel · partizipativ: teilweise · explorativ
Dunne, A. / Raby, F. (2013): Speculative Everything: Design, Fiction, and Social Dreaming. MIT Press, Cambridge.
Quellen
- Box, G. E. P. / Jenkins, G. M. (1970): Time Series Analysis: Forecasting and Control. Holden-Day, San Francisco.
- Ernst, H. (2003): Patent information for strategic technology management. World Patent Information 25 (3), 233–242.
- Wolfers, J. / Zitzewitz, E. (2004): Prediction Markets. Journal of Economic Perspectives 18 (2), 107–126.
- Forrester, J. W. (1961): Industrial Dynamics. MIT Press, Cambridge. — Sterman, J. D. (2000): Business Dynamics. McGraw-Hill, Boston.
- Popper, R. (2008): How are foresight methods selected? Foresight 10 (6), 62–89.
- Pillkahn, U. (2007): Trends und Szenarien als Werkzeuge zur Strategieentwicklung. Publicis Corporate Publishing, Erlangen.
- Linstone, H. A. / Turoff, M. (Hrsg., 1975): The Delphi Method: Techniques and Applications. Addison-Wesley, Reading.
- Gordon, T. J. / Hayward, H. (1968): Initial experiments with the cross impact matrix method of forecasting. Futures 1 (2), 100–116.
- Zwicky, F. (1969): Discovery, Invention, Research through the Morphological Approach. Macmillan, New York.
- Phaal, R. / Farrukh, C. J. P. / Probert, D. R. (2004): Technology roadmapping — a planning framework for evolution and revolution. Technological Forecasting and Social Change 71 (1–2), 5–26.
- Dreborg, K. H. (1996): Essence of backcasting. Futures 28 (9), 813–828.
- Kahn, H. / Wiener, A. J. (1967): The Year 2000. Macmillan, New York. — Pillkahn, U. (2007), a. a. O.
- Ansoff, H. I. (1975): Managing Strategic Surprise by Response to Weak Signals. California Management Review 18 (2), 21–33.
- Jungk, R. / Müllert, N. R. (1981): Zukunftswerkstätten. Hoffmann und Campe, Hamburg.
- Collins, J. C. / Porras, J. I. (1996): Building Your Company's Vision. Harvard Business Review 74 (5), 65–77.
- Dunne, A. / Raby, F. (2013): Speculative Everything: Design, Fiction, and Social Dreaming. MIT Press, Cambridge.
Systematik der Erkenntnisbasis nach dem Foresight Diamond: Popper, R. (2008), Foresight 10 (6), 62–89.
Weitere, hier nicht dargestellte Methoden: Relevanzbaumanalyse · Analogiemethode · Technologiefolgenabschätzung · Real-Options-Bewertung · War Gaming.
Poster
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Zitiervorschlag: Pillkahn, U.: Die Werkzeuge der Vorausschau — sechzehn Foresight-Methoden im Überblick. picturesoftomorrow.com/methoden.